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Der folgende Artikel ist der erste von zweien über die Studierenden-Jury des Prix SIA 2026. Im gemeinsamen Modul der Hochschule für Technik und Architektur Freiburg (HEIA-FR) und der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg (HETS-FR) lernen die eingeschriebenen sechzehn Studierenden aus den Fachrichtungen Architektur, Bauingenieurwesen und Soziale Arbeit, eine gemeinsame Kultur des Bewertens zu entwickeln. Dies dient ihnen zur Vorbereitung für die im Februar 2026 stattfindenden Jurytage des Prix SIA 2026. Die Studierenden werden ihr eigenes Siegerprojekt küren.
Der nächsten Generation eine Stimme geben
Zum ersten Mal überhaupt werden Studierende dazu aufgerufen, im Rahmen einer Auszeichnung einen Preis zu vergeben. Die meisten von ihnen waren noch nie an der Planung oder Umsetzung eines Bauprojekts beteiligt. Nun stehen sie vor der anspruchsvollen Aufgabe, anerkennungswürdige Leistungen auszuzeichnen. Dieser experimentelle Ansatz mit offenem Ausgang soll neue Erkenntnisse bringen und auch einen generellen, kritischen Blick auf die zunehmende Bedeutung von Preisen im Baubereich werfen. Wie nehmen die Studierenden die heute realisierten Projekte wahr? Auf welche Aspekte, Themen oder Prozesse richten sie ihre Aufmerksamkeit? Welche Kriterien sind ihnen besonders wichtig? Und vor allem: Wie werden sie ihre Positionen untereinander und gegenüber der Fachjury des Prix SIA 2026 begründen?
Der SIA sieht in dieser Zusammenarbeit eine Gelegenheit, direkten Zugang zur Denkweise einer Generation zu erhalten, die bald unseren Lebensraum mitgestalten wird – und von der sicher einige dem Verein beitreten werden. Die Studierenden bringen eine neugierige, bisweilen unbedarfte, unvoreingenommene und daher wertvolle Sichtweise mit.
Mit dieser Initiative erhofft sich der SIA zudem, seine Ziele und Anliegen einer Gruppe von Studierenden direkt vermitteln zu können. Das Image des Vereins, in der Regel assoziiert mit Normen und Ordnungen, erhält eine weitere Dimension: Der SIA ist auch ein baukultureller Akteur. Der Prix SIA leistet einen wichtigen Beitrag zu diesem Engagement, indem er die herausragenden Leistungen seiner Mitglieder würdigt und das Ansehen der SIA-Berufe bei den Studierenden und in der breiten Öffentlichkeit stärkt.
Einführung in die Beurteilungspraxis
Der Semesterkurs umfasst sechs vorbereitende Sitzungen: In den ersten vier erhalten die Studierenden theoretische Grundlagen, die sie auf die Beurteilung im Spannungsfeld zwischen architektonischem Entwurf und sozialer Nutzung vorbereiten. Die beiden letzten Sitzungen dienen der Selbstorganisation ihrer Jurytage. Der Kurs wird gemeinsam von Sonia Curnier von der HEIA-FR und Swetha Rao Dhananka von der HETS-FR geleitet. Das Ziel des Kurses besteht darin, den Studierenden die notwendigen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie gemeinsam Kriterien, Methoden und eine Haltung zur Projektbeurteilung entwickeln können.
Bereits beim ersten Austausch wird deutlich: Vollkommene fachliche Neutralität gibt es nicht. Jede Disziplin bringt ihre eigenen Argumente ein, die den Blick auf ein Projekt prägen. Ingenieurinnen und Ingenieure sehen Strukturen, Architektinnen und Architekten sehen Räume, Sozialarbeitende sehen Nutzungsmöglichkeiten, Ungleichheiten oder Schwachstellen. Diese scheinbar banale Erkenntnis ist das erste zentrale Learning des Kurses. Beurteilen ist niemals eine abstrakte Handlung, sondern immer eine situative Positionierung. Besonders deutlich wird dies in den Sitzungen zur Preisvergabe: Ein Projekt auszuzeichnen bedeutet weniger, ein Bewertungsraster «anzuwenden», als vielmehr die eigenen Werte offenzulegen. Oder anders gesagt – bewerten heisst auch, sich zu exponieren.
Projekte in ihrer Realität wahrnehmen
Der Besuch des Lausanner Quartiers Plaines-du-Loup markiert einen ersten Wendepunkt innerhalb des Moduls. Mit der konkreten Materialität des Ortes konfrontiert, nehmen die Studierenden Aspekte wahr, die in den Projektunterlagen nicht abgebildet sind: die tatsächlichen Nutzungsweisen, die Atmosphäre, die improvisierten Lösungen und die Diskrepanz zwischen Absichten und Erleben. Viele erkennen dabei, dass die Beurteilung eines Projekts mehr verlangt, als Pläne zu lesen.
Diese Erkenntnis vertieft Marie-Claire Rey-Baeriswyl, ehemalige Professorin an der HETS-FR, in ihrem Beitrag. Sie lenkt die Diskussion zurück auf das Leben, auf Beziehungen und Verletzlichkeiten, also auf all das, was die Raumplanung – manchmal unscheinbar leise – beeinflusst. Eine einfache und zugleich radikale Frage drängt sich auf: Was macht dieses Projekt mit den Menschen? Bei der Beurteilung gilt es, diese Auswirkungen einzubeziehen – im positiven wie im negativen Sinne.
Die Legitimität des Urteilens in der Debatte
Der Vortrag der Architektin und Stadtplanerin Gabriela Marcovecchio erweitert den Rahmen noch einmal. Sie weist darauf hin, dass bei bestimmten Wettbewerben bereits Fachleute oder Bürgervertretungen mitwirken. Eine Jury ist nie ein rein professionelles Instrument, sondern ein Ort der Demokratie und ein politisches Gremium. In einer interdisziplinären Gruppe wirkt diese Einsicht wie ein Spiegel: Alle erkennen, dass ihre eigene Legitimität ebenso sehr auf ihrer Ausbildung beruht wie auf ihrer Fähigkeit zu argumentieren, zuzuhören und die eigenen Ansichten gegebenenfalls zu revidieren.
Das «Davos Qualitätssystem für Baukultur» als gemeinsamer Rahmen
Die von Claudia Schwalfenberg (SIA) vorgestellten acht Kriterien des «Davos Qualitätssystem für Baukultur» bilden ein Raster zur Beurteilung. Die Stärke des Systems liegt in seiner Offenheit: Die Kriterien strukturieren die Diskussion, ohne sie einzuengen.
Bei der Arbeit mit diesen Kriterien entdecken die Studierenden, dass alle reichlich Verhandlungsspielraum bieten. So kann sich beispielsweise das Kriterium «Genius Loci» – das «Wesen des Ortes» – je nach Gesprächspartner auf eine bestimmte Atmosphäre, eine konstruktive Robustheit oder eine soziale Aneignung beziehen. Diese unterschiedlichen Ansichten machen eine allzu oft übersehene Tatsache deutlich: Subjektivität ist kein Hindernis, sondern die Ressource für die Urteilsfindung.
Zwei Mitglieder der Jury des Prix SIA 2024, Nathalie Mongé und Cristina Zanini Barzaghi, wurden eingeladen, auf ihre Erfahrungen zurückzublicken. Sie erinnerten die Studierenden daran, dass die Kriterien zwar Leitplanken darstellten, aber keine Doktrin. Der Interpretationsspielraum, den sie ermöglichen, müsse als Chance begriffen werden; als Möglichkeit, im kollektiven und interdisziplinären Dialog zu einem gemeinsamen Verständnis zu gelangen.
Subjektivität als Ressource
Am Ende des Moduls steht eine zentrale Einsicht: Beurteilen lernt man nicht als technisches Verfahren, sondern als Erfahrung von Pluralität. Jede und jeder bringt eigene Vorurteile, Vorwissen und Referenzen mit. Man muss lernen, diese offenzulegen und darüber zu diskutieren. Subjektivität ist dabei keine Voreingenommenheit, die unterdrückt werden muss, sondern ein Material, mit dem gearbeitet wird. Sie ermöglicht Nuancierungen und verleiht dem Begriff von Qualität Tiefe. So lernen die Studierenden, Projekte zu beurteilen und üben zugleich, unsere Gesellschaft mitzugestalten.
Die nächsten Schritte, wie die Ausarbeitung ihres Bewertungsrasters und die Organisation der Jury im Februar, liegen nun in den Händen der Studierendengruppe. Sie werden zu einem späteren Zeitpunkt in einem zweiten Artikel aufgegriffen.
Noch bis 23. Januar 2026 können Projekte für den Prix SIA 2026 eingereicht werden. Nehmen Sie jetzt teil!