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Klanghaus Toggenburg am Schwendisee
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee
Copyright: Roland Bernath
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EINREICHUNG Nr. 462
Bildunterschrift:
Zentralraum mit Blickrichtung Musikraum Schwendisee bei offenen «Isfahantoren». Am rechten Bildrand ist die Raumtasche – der Echoraum – einsehbar.

Das Projekt ging aus einer internationalen Thesenkonkurrenz in Skizzenform hervor, die Marcel Meili mit seinem Team 2010 für sich entscheiden konnte (Klangkünstler: Andres Bosshard, Akustik: Martin Lachmann). In Kooperation mit S&H wurde das Bauprojekt entworfen und nach Marcel Meilis Tod im Jahre 2019 durch S&H weiterentwickelt. Bis Ende 2024 wurde es gemeinsam mit Bauseits umgesetzt.
Das Klanghaus Toggenburg ist weder ein Konzerthaus noch ein Musikpavillon, sondern ein «begehbares Instrument», dessen Ziel das Experimentieren mit Klang und (Volks-) Musik und das Zusammenführen unterschiedlichster Klang und Musikkulturen in einer unvergleichlichen Berglandschaft ist. Jeder Musikraum erhält eine spezifische Klangatmosphäre, deren akustische Besonderheiten auch räumlich und visuell erlebbar gemacht werden. Als identitätsstiftender Magnet für die Zukunft der strukturell schwachen Region Toggenburg und für eine neue Form von sanftem (Resonanz-)Tourismus soll der Bau – auch durch seine innovative und gleichzeitig lokalbezogene Holzbauweise – zu einer multiplen «Kristallisationsfigur» werden.

Besonderheit:
Kulturbau mit hohem experimentellem und akustischem Anspruch und überregionaler Ausstrahlung, Funktion als «Magnet» zur synergetischen Vernetzung seines Kontextes, höchste Ansprüche an visuelle und aurale Atmosphäre und Ausstrahlung, komplexe Detaillierung.

Bauherrschaft
Kanton St. Gallen, Bau- und Umweltdepartement, Hochbauamt, St. Gallen

Betreiberschaft
Klangwelt Toggenburg, Alt St. Johann

Initiant
Peter Roth, Wildhaus
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Klanghaus am ­Schwendisee – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Klangräume: Interaktion von innen und aussen. – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Parbolisch geformter Aussenraum mit vorgelagerter Klang- bzw. Hörbühne und «visueller Akustik» in der Schindelverkleidung. Im Laufe der Zeit wird sich ­ unter den ausladend gekrümmten Vordächern durch die Verwitterung eine zweite Wellenform über die wellenförmige Ornamentik bei den Aussenbühnen ­legen. Der exponierte Bereich des Schindelschirms dunkelt schneller nach als der geschützte. – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Luftaufnahme der fertigen Dachaufsicht aus EPDM-Bahnen samt Klemmhaltern und Pfannendeckeln. Der verblechte Dachkranz ­beherbergt die Abluft ­sowohl der natürlichen ­ Lüftung als auch der ­Hinterlüftung der Dachkonstruktion und fasst die vier Oblichtkegel ein. – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Zugangssituation: Empfang durch «klingende Pfannendeckel». – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Die rhythmisch hinaufschwingenden und gebeizten Eichenstäbe vertonen die Trittverhältnisse in Ober- und Untergeschoss. Umgeben sind sie von einem Negativtäfer aus Gipsfaserplatten – rote Flächen, weisse Kanten und dunkle, zurückliegende Schatten mit Drehsinn. – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Zentralraum mit Blickrichtung Musikraum Schwendisee bei geschlossenen ­«Isfahantoren». Die konvex einspringenden Aussenwände geben durch ihre ­Türen den Blick Richtung Aussenbühnen frei. – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Zenitallicht mit den drei «Himmelsohren», den schiefwinkligen Oblichtkegeln über dem Zentralraum. – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Einpassarbeiten der drei Resonanzbodenfelder im Zentralraum. Hohlbodenkonstruktionen, nicht unähnlich der Konstruktion von Bühnenböden – möglichst leicht, grossfeldrig und auf wenigen Gummilagern aufliegend. – Ralf Brühwiler
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Musikraum Schafberg mit Blickrichtung Schafberg, Teil des Alpsteinmassivs. Die konvex gekrümmte Pfostenriegelfassade vermag die Landschaft zu umarmen und im Innern präsent werden zu lassen. – Roland Bernath
Klanghaus Toggenburg am Schwendisee – Zentralraum mit Blickrichtung Echoraum bei offenem Tor. Der Bug wird akzentuiert mit einem kleinen Oblicht, auch für die Kaskadenlüftung verwendbar. – Roland Bernath
Copyright für die Fotografien: Roland Bernath
Copyright für die Pläne / Schemata / Grafiken: Staufer & Hasler Architekten
Copyright: Axel Kindermann (gekürzte Version, lediglich zu Informationszwecken der Jury)
Texte Davos Kriterien (Selbstevaluation)
Gouvernanz
Das Klanghaus entstand durch dialogische und demokratisch abgestützte Verfahren, ausgehend von der Initiative von Peter Roth. Thesenkonkurrenz, politische Verhandlung, Mitwirkung der Bevölkerung, mündend in eine Volksinitiative, sowie die Zusammenarbeit von Kanton, Region, Fachleuten und lokalen Handwerkern prägten den Prozess. So wurde ein gemeinschaftlich getragenes Kulturprojekt geschaffen, das inhaltlich wie organisatorisch breit abgestützt ist.
Funktionalität
Das Klanghaus ist als «begehbares Instrument» konzipiert, mit passiven wie auch aktiven Komponenten ¬– den Klangspiegeln & Hallkissen. Unterschiedliche Klangräume, flexible Raumkonfigurationen, veränderbare Raumakustik und die Überlagerung von Innen- wie Aussenräumen ermöglichen Proben, Kurse, Konzerte und vielerlei andere Experimente. Alle konstruktiven und materiellen Entscheidungen dienen der musikalischen Nutzung und unterstützen vielfältige klangliche Erfahrungen in und ums Haus.
Umwelt
Der Bau fügt sich sensibel in die Moorlandschaft ein, reagiert auf Topografie, Klima und vorhandene Klangkammern und verstärkt damit die Verbindung zur Natur. Lokale Schindeln (von einem Pensionär unweit des Klanghauses handgespalten), regionale Hölzer, in der Schweiz gefertigte Bäckerleine, natürliche Lüftung, Wärme über Erdsonden, effiziente Dacheindeckung, mehrheitlich aus dem Toggenburg stammende Unternehmungen und ein auf den Öffentlichen Verkehr ausgerichtetes Mobilitätskonzept prägen den
Wirtschaft
Das Klanghaus stärkt die regionale Wertschöpfung durch sanften Ganzjahrestourismus, Bildungsangebote, Festivals und den Klangcampus. Es unterstützt lokale Betriebe, schafft Arbeitsfelder in Kultur und Tourismus und trägt zur Re-Profilierung des Toggenburgs bei, dem infolge des Klimawandels der Wintertourismus abhandengekommen ist. Durch Einbettung in ein Netzwerk aus Kultur, Freizeit und Gastgeberstrukturen entsteht langfristige wirtschaftliche Stabilität – Resonanztourismus.
Vielfalt
Das Klanghaus bietet Raum für Volksmusik, zeitgenössische Klangkunst, internationale Klangkulturen, Kurse, Forschung und Austausch. Unterschiedliche Altersgruppen, Hintergründe und Professionen finden Zugang. Die Architektur ermöglicht vielfältige Nutzungen und unterstützt interdisziplinäre Begegnungen. So entsteht ein offener Ort, der kulturelle, soziale und künstlerische Vielfalt stärkt.
Kontext
Material, Form und Akustik sind eng mit Landschaft, Tradition und Klangkultur des Toggenburgs verbunden. Innen- und Aussenräume verschränken sich mit der Umgebung; Ausblicke, Resonanzformen und lokale Bautraditionen prägen das Haus. Die Architektur reagiert auf Naturraum und Kulturgeschichte und verankert das Gebäude präzise im räumlichen und gesellschaftlichen Kontext.
Genius Loci
Das Klanghaus macht den Klangcharakter des Orts erfahrbar: Naturjodel - seit 2025 immaterielles UNESCO-Kulturgut -, Schellen, Wind und Echoformen prägen räumliche Gestaltung und Akustik. Die Architektur übersetzt die lokale Kultur und die besondere Stimmung des Schwendisees und seiner umliegenden Bergkontur in Räume, die Klang, Landschaft und Identität verbinden. So entsteht ein Haus, das den Geist des Ortes aufnimmt und verstärkt.
Schönheit
Resonierende Formen, präzises Handwerk, flirrende Schindelfassaden, ornamentale Resonanzöffnungen und poetische Lichtführung schaffen eine mehrfachsinnliche Architektur, die versucht, dem Hören über die Augen auf die Sprünge zu helfen. Innen und aussen verbinden sich Material, Struktur und Akustik zu einer verdichteten Erfahrung. Die Gestaltung soll zeitlos und lebendig wirken. Schönheit entsteht nicht aus sich selbst heraus, sondern aus dem starken Dialog mit der Landschaft, der Kultur und dem
Eigenschaften
Ort
Vordere Schwendistrasse 61, 9657 Unterwasser
Baukategorie (SIA 102)
Kultur und Geselligkeit
Art der Aufgabe
Neubau
Art des Verfahrens
Wettbewerb
Beschaffungsform
Selektives Verfahren
Baukosten in CHF (SIA 416)
23.7 Mio.
Geschossfläche in m² (SIA 416)
1'647
Planung
2012 → 2022
Fertigstellung
2022 → 2025
Inbetriebnahme
2025