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Werkhof 29
Werkhof 29
Copyright: Martin Zeller
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EINREICHUNG Nr. 275
Das Projekt Werkhof 29 im Industriequartier Zürich Binz transformiert einen mehrfach umgebauten Industriebau von 1934 zu einem vielfältigen Arbeitskomplex. Ziel ist es, durch minimale Eingriffe eine weitere Nutzungsperiode zu ermöglichen und gleichzeitig maximale Vielfalt und Flexibilität für das Gewerbe zu schaffen. Das Projekt bildet einen weiteren Baustein in der seit 10 Jahren laufenden Verdichtung des Areals.

Die Aufstockung erfolgt als vorgefertigter Holzelementbau mit lehmverputzter Strohballendämmung. Ein Holzfachwerk leitet die Lasten gezielt auf das bestehende, robuste Tragwerk und entlastet die Aussenwände. Die Aufstockung ist das Ergebnis dessen, was der Bestand mit geringem Eingriff tragen kann. Dachflächen werden durch eine gemeinschaftlich nutzbare Terrasse und biodiverse Dachgärten aufgewertet.

Zentrales Konzept ist die Verwendung von vorhandenen Materialien. Den grössten Anteil leistet der Bestand selbst. Fassadenbleche, Fenster, Türen, Küchen, Radiatoren und Dämmstoffe stammen aus Rückbauobjekten. Ergänzend kommen regenerative Baustoffe wie Holz, Stroh und Lehm zum Einsatz. Sichtbare Gebrauchsspuren werden bewusst als architektonische Qualität eingesetzt und unterstreichen die Erzählung des nahtlosen Weiterbauens.
Die Materialisierung folgt klaren Nachhaltigkeitsprinzipien: Vieles beliess man roh, damit die Mieterschaft in Eigenregie ausbauen kann. Minimierung des Neubedarfs, langlebige, reparable Konstruktionen und die energieeffiziente Aufstockung reduzieren CO₂-Emissionen. Fassadenbegrünung, die Pflege alter Bäume und ökologische Aufwertung der Umgebung schonen das Stadtklima, während das auf Nachbardächer ausgeweitete Arealkraftwerk den Solarstrom liefert.

Das Projekt zeigt exemplarisch, dass Verdichtung auch anders geht. Nicht gegen, sondern mit dem Ort, mit den Nutzenden, mit den Materialien. Das Gebäude entwickelt sich so zu einem nachhaltigen, zirkulären Arbeitsort, der die industrielle Geschichte des Quartiers zeitgemäss weiterschreibt.
Werkhof 29 – Blick vom benachbarten Dach auf den Werkhof vor Beginn der Bauarbeiten – Martin Zeller
Werkhof 29 – Die Aussenwände der Aufstockung sind mit Strohballen gedämmt – Julia Schöni
Werkhof 29 – Aufbringen des Lehmputzes auf die mit Strohballen gedämmten Aussenwände – Martin Zeller
Werkhof 29 – Minimale Eingriffe im Erdgeschoss – während der Bauzeit dient der ehem. Gewerberaum als Lager – Martin Zeller
Werkhof 29 – Bestand vor der Aufstockung – 1942 wurde das Gebäude bereits um ein OG ergänzt  – Martin Zeller
Werkhof 29 – Die erste Aufstockung in der Stadt Zürich mit Strohballendämmung – Martin Zeller
Werkhof 29 – Neue Baumaterialien wurden wenn möglich roh belassen – Martin Zeller
Werkhof 29 – Der Bestand wurde minimal ertüchtigt und die robuste Tragstruktur für die neuen Lasten der Aufstockung genutzt – Martin Zeller
Werkhof 29 – Die hohen Atelierräume der Aufstockung verfügen über Galerien, Teeküchen und Nasszellen – Martin Zeller
Werkhof 29 – Die Aufstockung bietet grosszügige Atelier- und Gewerberäume – Martin Zeller
Werkhof 29 – Das blaue Trapezblech sowie die Fenstergläser sind wiederverwendet – Martin Zeller
Werkhof 29 – Neues Holzfachwerk und Reuse-Holzbalken des ehem. Daches  in der Aufstockung – Martin Zeller
Copyright für die Fotografien: Martin Zeller
Copyright für die Pläne / Schemata / Grafiken: baubüro in situ
Texte Davos Kriterien (Selbstevaluation)
Gouvernanz
Nachdem die Stadt Zürich die ursprüngliche Idee, auf dem Areal überwiegend Wohnungen zu erstellen, zugunsten der Förderung von städtischer Produktion abgelehnt hatte, setzt sich die Eigentümerin Modissa aktiv für den Erhalt kleingewerblicher Strukturen ein. Seit 2015 entwickelt baubüro in situ das Areal in einem iterativen Prozess mit Nutzenden, Spezialisten und Eigentümerin, wobei es auf seine langjährige Expertise in diesem Bereich zurückgreift.
Funktionalität
Das Areal wird behutsam weiterentwickelt, um langfristig nutzbare, bezahlbare Räume für Kleingewerbe, Ateliers und Büros zu sichern. Die Räume sind in unterschiedlichem Masse roh belassen, damit die Mietenden sie in Eigenregie ausbauen und aneignen können.
Die gute Erreichbarkeit – das Quartier ist auch ohne Auto gut erschlossen – und die Vernetzung mit den umliegenden Wohnquartieren sichern die Attraktivität für unterschiedlichste Nutzungen.
Umwelt
Ressourcenschonung als Ausgangslage: Der Bestand wird erhalten und seine Lastreserve durch Aufstockung optimal genutzt ohne zusätzlichen Boden zu bean-spruchen. Fassaden- und Dachbegrünung, Entsiegelung sowie Fledermaus- und Vogelkästen fördern die Biodiversität. Natürliche Materialien wie Holz, Stroh, lokaler Aushublehm und Re-Use-Bauteile reduzieren die CO₂-Emissionen. Dank Geo-Cooling mittels Erdsonden und Wärmepumpe kann mit einfachen Mitteln auf die Veränderung des Klimas reagiert werden.
Wirtschaft
Die Weiternutzung des Bestands und die Wiederverwendung rückgebauter Elemente im Gebäude senkt die Erstellungskosten. Der Einsatz robuster und langlebiger Bauteile reduziert langfristig den Unterhaltsaufwand. Dank Erträgen aus den Büroflächen mit Galerien in der Aufstockung und minimalen Eingriffen im Bestand können die Mieten des produzierenden Gewerbes im Erdgeschoss beibehalten werden. Durch den bedeutenden Re-Use Anteil fliesst die Wertschöpfung ins lokale Handwerk statt in neues Material.
Vielfalt
Das Projekt ermöglicht eine lebendige Mischung von Nutzungen – von handwerklichen Betrieben und Ateliers im EG bis zu Büroflächen in der Aufstockung. Gemeinschaftsräume, eine Dachterrasse auf der Werkhalle und vielfältige Aussenräume fördern Begegnung, während private Mietflächen Rückzug, Ruhe und eine Entflechtung der Nutzungen ermöglichen. Verdichtet wird nicht gegen, sondern mit dem Ort und den Menschen, die schon da sind. Damit es in unseren Städten auch in Zukunft Platz für alle hat.
Kontext
Mit seiner Massstäblichkeit, der gewachsenen Struktur und der vielfältigen Begrünung vermittelt das am Quartierrand liegende Areal zwischen den unterschiedlichen Stadtstrukturen. Das kleinteilige, durchgrünte Wohnquartier findet Anknüpfungspunkt und physische Verbindung zu den grossmassstäblichen Dienstleistungs- und Gewerbebauten, die heute einen Grossteil des ehemaligen Industriequartiers prägen.
Genius Loci
Die Einbindung vor Ort tätiger Handwerksbetriebe und das Interesse der Eigentümerin – zugleich Nachbarin der Liegenschaft – an einem vielfältigen Ort stärken die Identifikation des Projekts mit seinem Umfeld. Die Entwicklung des Areals schreibt die Geschichte des einstigen Industriequartier fort: von der Ziegelproduktion über Handwerkskollektive bis zu Kleinstgewerben und urbaner Produktion. Behutsame Eingriffe respektieren die Atmosphäre und führen die handwerklich-gewerbliche Tradition fort.
Schönheit
Das Areal lebt von der Atmosphäre des kontinuierlichen Weiterbauens und dem Ineinandergreifen von Alt und Neu. Das stimmungsvolle Ensemble vereint Bauten von fast 100 Jahren, die laufend an wechselnde Nutzungen angepasst wurden und dabei starke Raumqualitäten sowie überraschende Nebeneinander erzeugen. Die mit blauem Reuse-Trapezblech verkleidete Aufstockung referenziert klassische Industriebauten, überrascht durch ihre Farbigkeit und hat einen hohen Wiedererkennungswert.
Eigenschaften
Ort
Zürich
Baukategorie (SIA 102)
Industrie und Gewerbe
Art der Aufgabe
Erweiterung
Art des Verfahrens
Direktauftrag
Baukosten in CHF (SIA 416)
7'900'000
Geschossfläche in m² (SIA 416)
2'864
Planung
2021 → 2025
Fertigstellung
2024 → 2025
Inbetriebnahme
2025
Einreichende | Projektbeteiligte
Architektur
Bauherrschaft
modissa Immobilien
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Bauingenieurwesen
Bauingenieurwesen
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