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Das Wohltemperierte Haus
Das Wohltemperierte Haus
Copyright: Roland Bernath
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EINREICHUNG Nr. 289
In Regensdorf entsteht derzeit auf dem ehemaligen «Gretag-Areal» das neue Stadtquartier «Zwhatt». Innerhalb von zehn Jahren wird es etappenweise zu einem lebendigen Quartier mit Mischnutzung umgewandelt. Im Winkelbau durften wir im Auftrag der Pensimo Management AG eine Umnutzung von Gewerbe zu Wohnen erproben, die einen neuen Ansatz verfolgt.
Ein Grossteil der Bürohäuser entspricht heute nicht mehr den aktuellen energetischen Vorgaben; zugleich ist der Leerstand hoch, während die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum ungebrochen bleibt. Übliche Fassadensanierungen sind konstruktiv aufwändig, kostenintensiv und bieten den Mieter*innen oft wenig erkennbaren Mehrwert, nur höhere Mietpreise.
Das vorgestellte Forschungsprojekt schlägt hier einen anderen Weg ein: der Umbau von Büro- zu Wohnflächen erfolgt kostengünstig, indem die bestehende Gebäudehülle erhalten bleibt und stattdessen in ein emissionsfreies Heizsystem investiert wird. Dabei wird das Konzept des gleichmässig temperierten Innenraums von 21 Grad hinterfragt. Thermisch aktivierte Apparate aus Stahl und Lehm zonieren die Wohnhalle, aluminiumbeschichtete Vorhänge erlauben es die Wärme zu regulieren. Es entsteht eine Temperaturlandschaft mit unterschiedlich warmen und kühlen Zonen, deren Nutzung sich über die Jahreszeiten verändert und so dem Wohnen einen saisonalen Takt einschreibt.
Im Rahmen unseres Forschungsprojekts "Das Wohltemperierte Haus" entstanden auf der 4. Etage des Winkelbaus aus ehemaligen Büroräumen 18 Studios mit Gemeinschaftsräumen. Nach einer zwei- bis dreijährigen Testwohnphase soll mit den Ergebnissen aus den gewonnenen Erfahrungen schliesslich das ganze Gebäude umgebaut, aufgestockt und umgenutzt werden.
Das Wohltemperierte Haus – Es entsteht eine Temperaturlandschaft mit unterschiedlich warmen und kühlen Zonen – Roland Bernath
Das Wohltemperierte Haus – Die temperierten Raumschalen können je nach Tätigkeit von den BewohnerInnen angeeignet werden – Roland Bernath
Das Wohltemperierte Haus – Die Vorhänge dienen der thermischen Regulierung – Roland Bernath
Das Wohltemperierte Haus – Badmodule fungieren als Heizkörper und strahlen - Kachelöfen gleich - Wärme ab – Roland Bernath
Das Wohltemperierte Haus – Duschmodul und Lavabo – Roland Bernath
Das Wohltemperierte Haus – Küchenmodul – Roland Bernath
Das Wohltemperierte Haus – Badmodul mit Dusche, WC und Lavabo – Roland Bernath
Das Wohltemperierte Haus – Der Korridor wird zum Gemeinschafts- und Arbeitsbereich – Roland Bernath
Das Wohltemperierte Haus – Gemeinschaftsküche – Roland Bernath
Das Wohltemperierte Haus – Die vorfabrizierten Apparate können einfach ausgebaut und in einem zukünftigen Umbau wiederverwendet werden – Alexander Gebetsroither
Das Wohltemperierte Haus – Auf die Elemente werden Heizschlaufen angebracht, diese werden in eine 4 cm dicke Lehmschicht eingebettet – Anna Ludwig
Das Wohltemperierte Haus – Aufbringen der Lehmschicht – Alexander Gebetsroither
Copyright für die Fotografien: Roland Bernath
Copyright für die Pläne / Schemata / Grafiken: EMI Architekt*innen
Copyright: GRIP Agency AG (Film: WITWINKEL AG, Redaktion: Schroten)
Texte Davos Kriterien (Selbstevaluation)
Gouvernanz
Das Projekt wurde über längere Zeit in Zusammenarbeit mit Bauherrschaft, Fachplanenden und mit Schnittstelle zur ETH Zürich entwickelt (Kooperation mit Prof. für Architektur und Gebäudesysteme Dr. Arno Schlüter und Professur Elli Mosayebi, Workshop mit Studierenden).
Bei der projektübergreifenden Zusammenarbeit mit dem Nachbarprojekt von Baubüro in situ/Zirkular wurden Bauteile wiederverwendet, gemeinsame gemeinschaftliche Räume geplant und Schnittstellen zu Areal und Nachbarschaft angeregt.
Funktionalität
Die Wohnungen verfügen über wärmende und kühlende Raumschalen, die je nach Bedarf und Tätigkeit von den Bewohner*innen angeeignet werden können. Die Wärmeleitfähigkeit und die Speicherfähigkeit der eingesetzten Materialien spielten bei der Grundrissentwicklung eine entscheidende Rolle. Das wohltemperierte Haus bietet eine Redundanz an Räumen, die eine unterschiedliche Bespielung über die Jahreszeiten erlaubt, sowie die Gleichzeitigkeit von Wohnen und Arbeiten zulässt.
Umwelt
Zunächst trägt das Projekt dem langfristigen Bestandserhalt bei. Es nutzt Strahlungswärme anstatt Raumwärme, um Energieverluste zu minimieren und nachhaltiger zu heizen.
Die vorfabrizierten Apparate können zudem mit einfachen baulichen Massnahmen rückgebaut werden. Damit ist grösstmögliche Flexibilität für zukünftige Projekte gewährleistet: Rückbau ins Skelett, Anpassung an neue Wohnformen im Winkelbau, sowie der Erhalt und die Wiederverwendung (Re-Use) der Apparate in anderen Gebäuden.
Wirtschaft
Auf grosse Sanierungs- und Umbauarbeiten wurde verzichtet. Die Fassade wurde nicht wie bei solchen Umbauten üblich vollständig saniert oder ersetzt, vielmehr wurden die ökonomischen Mittel primär in erneuerbare Energie investiert; der Anschluss an das Fernwärmenetz sorgt für das emissionsfreie Beheizen des Gebäudes. Zur Material- und Kosteneinsparung wurden die Schichten beim Ausbau minimal gehalten. Ein hohes Augenmerk liegt auf der Wiederverwendbarkeit der einzelnen, modularen Bauteile.
Vielfalt
Das Projekt zielt auf günstige Mieten ab und richtet sich an Studierende und junge Personen in Ausbildung.
Der Gemeinschaft und dem Zusammenleben im Haus wird daher ein hoher Stellenwert beigemessen. Die räumliche, gebaute Organisation fördert den Austausch unter den Mieter*innen. Aus den ehemaligen Büroräumen entstanden 18 Studios, darunter 6 rollstuhlgängig, mit Gemeinschaftsräumen und kollektiven Küchen je Etage. Die Dachterrasse ist für alle Bewohnerinnen und Bewohner zugänglich.
Kontext
Früher gab es Öfen, welche die Häuser warmhielten und deren Wärmestrahlen auf der Haut spürbar waren. Heute könnten thermisch aktivierte Bauteile Öfen ersetzen, sofern die Wärmequelle aus erneuerbaren Energieformen und emissionsfrei erfolgt. Anders als traditionelle Öfen, kann man sie zugleich auch zur Kühlung einsetzen. Wir hinterfragen die Wohnung als gleichmässig temperierter Innenraum von 21 Grad und schlagen eine Temperaturlandschaft mit unterschiedlich warmen und kühlen Zonen vor.
Genius Loci
Der Grossteil der Bürohäuser der Schweiz wurde 1945-80 realisiert. Der Abbruch für einen Ersatzneubau ist nicht nur mit einem ökonomischen und ökologischen Verlust verbunden, diese Gebäude stellen auch einen historischen und kulturellen Wert dar und prägen unser Stadtbild. Wird nicht abgerissen, werden die Fassaden saniert, um Minergie Standards zu erreichen, was konstruktiv aufwändig und teuer ist. Dies führt kaum zu einem Mehrwert für die Bewohnenden, die Akzeptanz für höhere Mietpreise fehlt.
Schönheit
Ein schmuckloser Gewerbebau aus den 80er-Jahren wurde in attraktiven und bezahlbaren Wohnraum verwandelt. Die Schönheit ist dabei im Einfachen zu finden.
Metall, Lehm, Linoleum und Vorhänge mit eingewebten Aluminiumfasern bieten eine haptische Vielfalt, die im Kontrast zu den roh belassenden Oberflächen des vormaligen Gewerbebaus stehen. In ihrer Einfachheit vermögen sie eine angenehme, sinnliche Atmosphäre zu schaffen.
Eigenschaften
Ort
Zwhatt Areal, Baufeld F, 8105 Regensdorf
Baukategorie (SIA 102)
Wohnen
Art der Aufgabe
Umnutzung
Art des Verfahrens
Direktauftrag
Baukosten in CHF (SIA 416)
1'982'200
Geschossfläche in m² (SIA 416)
1'363
Planung
2021 → 2024
Fertigstellung
2024 → 2025
Inbetriebnahme
2025