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Gemeinsam bewerten: das Experiment einer Studierenden-Jury
03.03.2026
Cedric van der Poel, espazium Digital Lab

In diesem zweiten Text über die Studierenden-Jury des Prix SIA 2026 blicken die Dozentinnen Sonia Curnier und Swetha Rao Dhananka auf die beiden Jurierungstage zurück, die parallel zur Jurierung der professionellen Jury stattgefunden haben. Sie beschreiben, wie die Studierenden der Architektur, des Bauingenieurwesens und der Sozialen Arbeit einen eigenen Bewertungsprozess entwickelt, Formen der gemeinsamen Entscheidungsfindung erprobt und die Verantwortung für die Beurteilung professioneller Projekte übernommen haben. Ein Rückblick auf ein aussergewöhnliches pädagogisches Experiment, das als Inspiration für die institutionelle Praxis dienen könnte.

Die Mitglieder der Studierenden-Jury konnten ihre Methode frei wählen. Wie haben sie diese Freiheit genutzt?

Sonia Curnier (SC): Wir gaben den Studierenden im Vorfeld einige Werkzeuge an die Hand – den Prozess entwickelten sie jedoch wirklich spontan. Die Arbeit begann im Plenum, aber schnell wurde klar, dass es zu aufwendig wäre, alle Projekte auf diese Weise zu prüfen. Die Jury teilte sich daher in interdisziplinäre Untergruppen auf und arbeitete dann mit einer Mischung aus Kleingruppenarbeit, individueller Reflexionszeit und Rückmeldungen im Plenum. Die «Hoffnungsrunden» markierten einen Wendepunkt: Ursprünglich abgelehnte Projekte kamen wieder auf den Tisch, weil man sie aus einer anderen Perspektive betrachtete. Das kam bei der Gruppe sehr gut an.

Swetha Rao Dhananka (SRD): Als am Ende noch etwa zwanzig Projekte übrig waren, beschlossen die Studierenden spontan, dass jedes Jurymitglied zehn Punkte vergeben durfte. Die Höchstpunktzahl pro Projekt wurde begrenzt, und es bestand auch die Möglichkeit, drei Minuspunkte zu vergeben. Innerhalb von zehn Minuten hatten sie so ein System für kollektive Entscheidungen entwickelt. Das zeugte von grosser Agilität.

Auffällig war auch die selbstständige Organisation. Es gab keinen übergeordneten Vorsitz. Jemand achtete auf die Zeit, jemand fasste das Gesagte zusammen und eine Studentin der Sozialarbeit erklärte: «Ich achte auf eine gerechte Verteilung der Redezeit.» Sie führten sogar ein System ein, um die Wortmeldungen im Plenum zu koordinieren. Die Teilnehmenden aus dem Bereich Soziale Arbeit steuerten Moderationskompetenzen und eine Ethik des Dialogs bei. Eine Kultur der Vermittlung und des Respekts vor dem Wort prägte den Prozess, der fortwährend gemeinsam ausgestaltet wurde. Wenn ein Vorschlag nicht allen zusagte, wurde er nochmals besprochen. Diese Offenheit war sehr wertvoll.

Wie wurden dabei die Kriterien des Davos Qualitätssystems für Baukultur angewendet?

SC: Die Kriterien fungierten in erster Linie als Hintergrund, weniger als strenges Raster. Da die 183 Projekte erst wenige Tage zuvor eingegangen waren, war es unmöglich, sie alle anhand der acht Kriterien systematisch zu prüfen. Manchmal wurden die Kriterien herangezogen, um eine Argumentation zu stützen oder ein Projekt in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Den Studierenden war aber auch bewusst, dass ein preiswürdiges Projekt nicht zwingend sämtliche acht Kriterien erfüllen muss.

SRD: Die Diskussionen gingen schnell über eine rein architektonische und technische Betrachtung hinaus. Die Projekte wurden zu gesellschaftlichen Diskussionsgegenständen. Manchmal führten die Architekturstudierenden soziale Argumente an, manchmal war es umgekehrt. Diese Gehirnakrobatik war einfach grossartig. Man konnte sehen, wie manche ihre Meinung um 180 Grad änderten, wenn sie die Argumente der anderen Mitglieder einbezogen. Der gegenseitige Perspektivenwechsel brachte die Diskussionen auf eine neue Ebene.

Die Vergabe eines Preises an Projekte, die von erfahrenen Fachleuten umgesetzt wurden, erfordert eine klare Positionierung. Wie sind die Jurymitglieder mit dieser Verantwortung umgegangen?

SC: Bei der Nachbesprechung am Ende der beiden Jurierungstage gaben mehrere Jurymitglieder an, dass sie anfangs eine Art Imposter-Syndrom verspürten. Dieses Gefühl habe sich jedoch sehr schnell verflüchtigt, sobald sie sich in die Debatte eingebracht hätten. Die Qualität der Diskussionen, die Dichte der Argumente und das gegenseitige Zuhören schufen eine Art kollektives Selbstbewusstsein. Ganz selbstverständlich bezogen sich die Bewertungen auf die Projekte – ohne Berücksichtigung darauf, von wem sie realisiert wurden.

SRD: Die Studierenden nahmen ihre Verantwortung sehr ernst. Sie haben verstanden, dass die Verleihung eines Preises nicht nur die Auszeichnung eines Preisträgers darstellt, sondern auch eine Botschaft sendet zu aktuellen gesellschaftlichen Themen. So entstand der Wunsch, noch einen Schritt weiterzugehen: Eine Beurteilung allein anhand von Plänen und Fotos erschien den Jurymitgliedern unzureichend. So beschlossen sie, sich in Gruppen aufzuteilen, um eine Auswahl von Projekten zu besichtigen und dann die Shortlist zu erstellen. Sie wollten den Projekten gerecht werden – ihren Nutzen, ihren Kontext und ihre Wahrnehmung verstehen. 

SC: Diese Verantwortung zog auch innerlich Kreise. Ein Student bezeichnete die Jury einmal als «Schule der Trauer». Dies, weil man bisweilen akzeptieren muss, dass das eigene Herzensprojekt nicht weiterkommt. Man kann es verteidigen, argumentieren und versuchen, die anderen zu überzeugen. Wenn die Gruppe jedoch nicht mitzieht, muss man nachgeben können. Dieser Schritt ist entscheidend: Man wird sich darüber bewusst, dass Verantwortung nicht darin besteht, das eigene Urteil durchzusetzen, sondern zu einer gemeinsamen Entscheidungsfindung beizutragen. Es ist ein anspruchsvoller Lernprozess.

Was nehmen Sie aus diesem Experiment mit?

SRD: Aus pädagogischer Sicht habe ich den Eindruck, dass diese Erfahrung die Teilnehmenden nachhaltig prägen wird. Wir haben gesehen, wie sie argumentieren, andere Standpunkte akzeptieren und ihre eigene Position geändert haben. Das wird sich auf ihre zukünftige berufliche Einstellung sowie auf ihre Fähigkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit auswirken.

SC: Die Jury wirft auch eine grundsätzliche Frage auf. In professionellen Jurys spielen Zeitdruck, Hierarchie und Reputation eine Rolle. Bei der Studierenden-Jury war von Anfang an jede Stimme gleich laut. Es gab auch spontane und mitunter einfache Aussagen wie «Das ist herzig» oder «Das haut einen nicht gerade vom Hocker», doch dann folgte stets eine solide Argumentation. Vielleicht sollten wir eine Jury nicht als ein streng kodifiziertes Entscheidungsgremium betrachten, sondern eher als einen Ort der Vermittlung. Jedenfalls könnte uns dieses Experiment dazu ermutigen, das zu tun. Es geht nicht nur darum, was wir entscheiden, sondern auch darum, wie wir zu dieser Entscheidung gelangen und welches Diskussionsklima wir schaffen wollen.

Zusammensetzung der Studierenden-Jury und des pädagogischen Teams 

Die Studierenden-Jury besteht aus sechzehn Mitgliedern, die in folgenden Studiengängen eingeschrieben sind: vier Bachelor-Studierende der Architektur an der Hochschule für Technik und Architektur Freiburg (HTA-FR); ein Bachelor-Student im Bauingenieurwesen (HTA-FR); sechs Studierende des Joint Master of Architecture (drei an der HTA-FR und drei an der Hochschule für Landschaft, Ingenieurwesen und Architektur Genf, HEPIA); fünf Master-Studierende der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg (HSA-FR).Samuel Berchier (Bachelor en architecture, HEIA-FR) | Ludovic Blanc (Joint master of Architecture, Fribourg) | Claire Caron (Joint master of Architecture, Genève) | Lucie Carron (Bachelor en architecture, HEIA-FR) | Vânia Carvalho (Master HES-SO en travail social) | Marion Chase (Master HES-SO en travail social) | Marcelo Dos Anjos Tavares (Joint master of Architecture, Fribourg) | Amélie Heeb (Master HES-SO en travail social) | Emile Henchoz (Joint master of Architecture, Genève) | Marie Leuba (Master HES-SO en travail social) | Cosette Meyer (Master HES-SO en travail social) | Naomi Pellandini (Bachelor en génie civil, HEIA-FR) | Mathias Rouiller (Joint master of Architecture, Fribourg) | Bilal Sebei (Bachelor en architecture, HEIA-FR) | Aurore Soury-Lavergne (Joint master of Architecture, Genève) | Enzo Tchong (Bachelor en architecture, HEIA-FR).

Das Wahlfach «Prix SIA 2026» ist von den folgenden Personen pädagogisch begleitet worden: Sonia Curnier, assoziierte Professorin an der HTA-FR und Swetha Rao Dhananka, ordentliche Professorin an der HSA-FR.