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Beim Prix SIA 2026 gibt es zwei Shortlists: Sowohl die Fachjury als auch die Jury der Studierenden haben aus den 183 Einreichungen ihre sechs Favoriten gewählt:
Die Nominierten der Fachjury:
→ Gässli 5
Das Projekt beruht auf einer gemeinschaftlichen und partizipativen Initiative, die neuen Wohnraum in einem Dorf schafft, Aussenräume präzis gestaltet und die Dorfgemeinschaft stärkt. Beide Gebäudeteile – der dislozierte Altbau und der Neubau – beleben die alte Kulturtechnik wieder, Gebäude so zu errichten, dass ihre Teile demontiert, ersetzt oder neu zusammengestellt werden können. Zum Einsatz kamen nachwachsende Baustoffe wie Holz und Stroh. Das Projekt zeugt von einer hohen Sensibilität für den Baustoff, den Kontext, die Umwelt und die Methode; es ist eng im Ort verwurzelt und stärkt den Genius Loci.
→ Das Wohltemperierte Haus
In einem ehemaligen Bürogebäude, wie sie in der Schweiz praktisch überall zu finden sind, wurde ein Geschoss zu provisorischen Wohnungen umgenutzt. Dabei experimentiert das Projekt mit einer neuartigen Wohnform und innovativen, effizienten und flexiblen Ansätzen in der Energie- und Gebäudetechnik. Die thermische Abgrenzung erfolgt nicht primär an der Fassade, sondern innerhalb der Wohnungen: Thermisch aktivierbare Einbauten mit Lehmwänden, etwa für Nasszellen, dienen als Heizkörper für die Wohnung, die mittels wärmereflektierender Vorhänge zoniert werden kann.
→ Immeuble Normandie, reconversion d'un immeuble administratif en logements
Diese Transformation des schützenswerten Bürogebäudes von Jean-Marc Lamunière belegt eindrücklich, dass moderne Bauten aus der Zeit der Hochkonjunktur auf sensible, hochwertige und innovative Weise energetisch und statisch ertüchtigt, architektonisch weiterentwickelt und auf zukunftsfähige Weise umgenutzt werden können. Dem Projekt gelingt es, die Identität des Gebäudes zu erhalten und zu stärken. Die neuen Wohnungen weisen eine innovative, qualitätsvolle Typologie auf, die auch hochwertige private Aussenräume integriert.
→ HORTUS
Das Projekt belegt, dass es auch mit Neubauten möglich ist, die Ziele der Norm SIA 390.1 Klimapfad zu erreichen, und stellt damit ein Benchmark für künftige Vorhaben dar. Im Gegensatz zur konventionellen Projektentwicklung wurden in einem interdisziplinären Prozess zuerst innovative Bauteile aus lokalen, bio- und geobasierten Materialien wie Holz und Lehm entwickelt, die anschliessend als Grundlage für den Entwurf dienten. Der Neubau hat einen niedrigen CO2-Fussabdruck, produziert Solarstrom, weist eine hohe ästhetische Qualität auf und ist flexibel nutz- und transformierbar.
→ Bondo Neugestaltung Verbauungen
Der Schutz vor Naturgefahren gewinnt im Kontext der Klimaerwärmung und der daraus resultierenden Extremereignisse an Bedeutung. Die Schutzbauten in Bondo sind ein herausragendes Beispiel dafür, welchen baukulturellen Mehrwert interdisziplinär und partizipativ entwickelte Infrastrukturprojekte schaffen können: Die Ingenieurbauten dienen nicht nur dem Schutz vor Naturgefahren und der Mobilität, sie tragen auch zu einer sorgfältigen Landschaftsgestaltung in einem wertvollen alpinen Naturraum bei.
→ Forêt urbaine du quartier de l'Étang
Das Thema des Siedlungsgrüns ist ein aktuelles und kritisches Thema: Wie lassen sich die letzten Fragmente von Natur in der Agglomeration bewahren? Im periurbanen Raum, wie er in der Schweiz vielerorts zu finden ist, schafft das Projekt eine grüne Insel für die Bevölkerung, indem es ein verbleibendes Stück freien Naturraums samt Gewässer erhält, den schönen Baumbestand mit neuen Pflanzen aufwertet und die Anlage mit Wegen und Sitzgelegenheiten ergänzt. Der Grünraum dient als atmosphärisch einzigartiger, die dichte Bebauung kontrastierender Lebensraum, zugleich aber auch als Retentionsbecken und Hochwasserschutz. Er zeigt exemplarisch, dass ein in jeder Hinsicht wertvoller Grünraum auch ohne grosse Gesten realisierbar ist.
Die Nominierten der Studierenden:
→ Soulce_Maison autonome évolutive
Dieses Projekt beeindruckte die Studierenden-Jury durch die beispielhafte Zusammenarbeit zwischen Bauherrschaft, Handwerkerinnen und Handwerkern sowie Planungsteam. Hier wirkt das Budget nicht nur begrenzend, sondern formgebend für das Bauvolumen. Der begrenzte finanzielle Spielraum führte zu einer bemerkenswerten Zusammenarbeit: einem begleiteten Selbstbau, bei dem die Bauherrschaft von Anfang bis Ende eingebunden war – vom Dachstuhl bis zu den gemeinsam mit einem lokalen Verein hergestellten Dämmplatten.
Durch die Aufstockung des Wohnhauses schufen die Architekten einen Übergangsraum, der offen für zukünftige Nutzungen und Entwicklungen bleibt. Dass sie zugleich einen klaren Rahmen definieren und akzeptieren, für spätere Veränderungen nicht mehr beigezogen zu werden, wertet die Studierenden-Jury als Ausdruck grosser Bescheidenheit.
Das Ergebnis ist ein anschauliches Beispiel gelebter Nachhaltigkeit: Kalk-Hanf-Dämmung in partizipativer Bauweise und nahezu vollständige Energieautarkie. Gerade im Jura, wo der Berufsstand wenig geschützt ist, macht dieses Projekt deutlich, dass auch ein knappes Budget zu hoher architektonischer Qualität führen kann – vorausgesetzt, die richtigen Menschen arbeiten zusammen.
→ Transformation d'un moulin en logements
Der Studierenden-Jury sprang eine Erkenntnis sofort ins Auge: Die Mühle scheint schlicht wiederentdeckt worden zu sein. Das Projekt bestand darin, spätere Schichten abzutragen, um die Kraft, Schlichtheit, Originalität und die ursprüngliche Silhouette des Bauwerks wieder zum Vorschein zu bringen.
Was die Studierenden-Jury ebenfalls beeindruckte, war die konstruktive Logik des Projekts. Ein Grossteil der Materialien stammt aus der Wiederverwendung: Einige Bauteile wurden behutsam ausgebaut und erneut eingesetzt, andere aus früheren Bauprojekten übernommen. Gleichzeitig legte das Projektteam grossen Wert auf biobasierte Materialien. Daraus entsteht eine fein austarierte Verbindung von Alt und Neu, welche die Geschichte des Gebäudes fortschreibt, statt sie zu überdecken.
Auch die menschliche Dimension ist deutlich spürbar. Die Wohnungen sind schlicht, hell, grosszügig und angenehm gestaltet, mit Terrassen und unterschiedlichen Ausrichtungen. Und dank gedeckelter Mieten bleibt diese Wohnqualität für viele Menschen erschwinglich.
Das Projekt zeigt, dass sich ein Kulturerbe behutsam freilegen, ressourcenschonend weiterbauen und gleichzeitig hochwertiger Wohnraum schaffen lässt. Die Umsetzung zeugt von grosser Überzeugungskraft – und das ist deutlich spürbar.
→ LysP8 – Wohnhaus mit Gewerbe
Dieses Projekt im urbanen Umfeld schaffte es aufgrund seines pragmatischen Umgangs mit Ressourcen und Nutzungsmischung auf die Shortlist der Studierenden-Jury.
Funktional begegnet es der Herausforderung hoher Dichte mit kompakten Wohnungen, die über Laubengänge erschlossen werden.
Die Wohnungen folgen einem einfachen strukturellen Raster und sind zweiseitig orientiert. Um den Anforderungen der Barrierefreiheit gerecht zu werden, kann der Flurbereich mithilfe von Schwenktüren bei Bedarf Teil des Nassraums werden.
In den obersten Geschossen befindet sich eine Stiftung, die Menschen mit vorübergehendem Unterstützungsbedarf begleitet und so zur sozialen Durchmischung des Hauses beiträgt. Im Erdgeschoss, im Inneren des Blocks, befinden sich gemeinschaftlich genutzte Gärten.
Für die Fassade wurden Dachziegel wiederverwendet; raumhohe Fenster und Fensterläden regulieren Licht und Einblicke von aussen.
Die tragende Holzkonstruktion ist mechanisch gefügt und macht das Gebäude zu einer Art Materialbank aus demontierbaren Bauteilen, die später erneut eingesetzt werden können. Diese architektonische Haltung akzeptiert die Unvorhersehbarkeit der Wiederverwendung – und macht sie zum Bestandteil ihrer eigenen Ästhetik.
→ Maison de Quartier des Libellules
In ihren Diskussionen würdigte die Studierenden-Jury besonders die stimmige Verbindung zwischen den architektonischen Qualitäten des Projekts und seinen sozialen sowie kulturellen Aufgaben. Das Maison de Quartier des Libellules versteht sich als offener Treffpunkt, der eng mit dem Quartier verbunden ist.
Ein zentraler Holzbau beherbergt unterschiedliche Räume für vielfältige Aktivitäten, vor allem für Kinder und Jugendliche. Auch die architektonische Gestaltung – bis hin zur sorgfältig geplanten Akustik – trägt zum inklusiven Charakter des Hauses bei. Die Räume laden etwa zum Spielen, gemeinsamen Essen oder Musizieren ein.
Ein grosszügiges Gewächshaus umhüllt die Holzkonstruktion und bildet einen Übergangsraum zwischen Haus und Strasse – eine echte Öffnung nach aussen. Beide Baukörper werden von einem Lichtschacht durchzogen, der nicht nur das Raumklima reguliert, sondern zugleich das «Herz» des Hauses markiert: eine Küche als zentraler Ort des Zusammenkommens.
Die Studierenden-Jury sah zudem grosses Potenzial darin, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner die Räume im Rhythmus der Jahreszeiten aneignen können. Mit der Aufnahme in die Shortlist würdigt sie auch die Bedeutung des Projekts für die Gemeinschaft insgesamt.
Schliesslich verleiht diese räumliche Struktur dem Gebäude eine markante und unverwechselbare Identität in einem Quartier im Wandel
→ Gässli 5
Gässli 5 ist ein eindrucksvolles Beispiel für den Erhalt historischer Bausubstanz und sozialer Netzwerke im ländlichen Raum – und verdient damit seinen Platz auf der Shortlist der Studierenden-Jury.
Ausgangspunkt war ein Haus aus dem frühen 17. Jahrhundert, das vom Abriss bedroht war. Es wurde in der lokalen Presse für einen symbolischen Franken zum Verkauf angeboten und konnte dank des Engagements der Dorfgemeinschaft sowie eines Ehepaars, das sein Grundstück zur Verfügung stellte, gerettet werden.
Das Gebäude wurde vollständig abgetragen und anschliessend Stück für Stück originalgetreu wieder aufgebaut, um seine Authentizität zu bewahren. Nur stark beschädigte Bauteile mussten ersetzt werden.
Im Sinne einer Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart wurde im hinteren Teil ein Neubau aus Stampflehm errichtet.
Heute liegt Gässli 5 inmitten eines Permakulturgartens und steht als offener Gemeinschaftsort allen zur Verfügung. Es ist zu einem Ort der Begegnung, des Austauschs, des Experimentierens und der Verbundenheit mit der Natur geworden.
→ Préau réinventé à l'école de Chêne-Bougeries
Dieses Projekt steht auf der Shortlist der Studierenden-Jury, weil dabei aus einem betonierten und geschlechtergetrennten Pausenplatz ein echter inklusiver, spielerischer und pädagogischer Lebensraum entsteht.
Im Zentrum des Projekts steht ein Prozess des gemeinsamen Gestaltens: Schülerinnen und Schüler sowie Lehrpersonen wurden einbezogen, damit jeder Quadratmeter ihren konkreten Bedürfnissen entspricht. Durch die Wiederbegrünung und die Gliederung in verschiedene Bereiche wird der Hof zu einem lebendigen Freiraum, in dem man ebenso gut Velo fahren wie sich ausruhen oder spielen kann.
Dieser Erfolg ist auch der Unterstützung durch die Gemeinde zu verdanken, die sich aktiv für das Projekt im Interesse der Kinder eingesetzt hat. Trotz einer rekordkurzen Frist von nur wenigen Monaten – die Bauarbeiten hatten bereits begonnen – hielten die Architekten konsequent an ihrer Linie fest und bestanden sogar auf der genauen Auswahl der Baumarten, einer hohen Bodenqualität und innovativen Techniken wie dem Stockholm-System, um die ursprüngliche Vision zu bewahren.
Dieses Projekt verdient seinen Platz auf der Shortlist, da es zeigt, dass man einem gemeinschaftlich genutzten Ort durch aktives Zuhören wieder Sinn verleihen kann. Es zeigt, wie entscheidend Landschaftsarchitektur für die Qualität und den Zusammenhalt eines gemeinsamen Lebensraums sein kann.
Das erwartet Sie
Die Mitglieder der Fachjury besprechen in zwei Prix SIA Talks die Projekte der Shortlist. Die Videos finden Sie am 9. und 16. April auf prixsia.ch.
Ab dem 27. April können auch Sie im Rahmen des Online-Votings für Ihre Favoriten abstimmen.
Die Gewinnerprojekte Prix SIA 2026, der Studierendenpreis und der Publikumspreis werden an der Preisverleihung am 11. Juni in Fribourg bekannt gegeben. Save the Date!